Tanja Plüss (links) und Nathalia Zimmermann mit zwei Plakaten, welche jeweils bei der Mahnwache zum Einsatz kommen. z.V.g.
1/2 Tanja Plüss (links) und Nathalia Zimmermann mit zwei Plakaten, welche jeweils bei der Mahnwache zum Einsatz kommen. z.V.g.
Diese Kühe wurden auf dem Weg zum Schlachthof von der Mahnwache fotografiert. Tanja Plüss: «Oftmals kommunizieren die Tiere auch miteinander, sie sind nervös und merken, dass etwas vor sich geht.»  z.V.g.
2/2 Diese Kühe wurden auf dem Weg zum Schlachthof von der Mahnwache fotografiert. Tanja Plüss: «Oftmals kommunizieren die Tiere auch miteinander, sie sind nervös und merken, dass etwas vor sich geht.» z.V.g.
28.08.2019 09:00

«Wir zeigen Tiere als Individuen»

Als Mitglieder der «AnimalSave»-Organisation setzen sich Nathalia Zimmermann und Tanja Plüss für die Rechte der Tiere ein. Regelmässig veranstalten die jungen Frauen sogenannte Mahnwachen, um die Tiertransporter vor dem Eingang zum Bell-Schlachthof in Oensingen abzufangen. Woher die Motivation kommt und was sie mit ihren Aktionen bewirken wollen.

Oensingen Nathalia Zimmermann (28) und Tanja Plüss (24) haben ein Herz für Tiere. Dies ist auch der Grund, weshalb beide vor ungefähr zwei Jahren auf die vegane Ernährung umgestiegen sind. Selbst auf tierische Produkte zu verzichten, reicht ihnen allerdings nicht. Ein bis zwei Mal monatlich treffen sie sich mit anderen Tierschützern zur Mahnwache in Oensingen. Die Organisation Animal Save ist nicht nur schweizweit, sondern auf der ganzen Welt tätig und wurde in Kanada gegründet.

Wann haben Sie angefangen, sich für das Wohlergehen der Tiere zu engagieren und woher kommt die Motivation dazu?

Nathalia Zimmermann: Vor zwei Jahren habe ich meine Ernährung auf vegan umgestellt und kurz darauf begonnen, am Bahnhof Flyer für Animal Rights Switzerland, ebenfalls eine Tierrechtsorganisation, zu verteilen. Dadurch habe ich neue Leute kennengelernt und bin so zu verschiedenen Gruppen gekommen, welche sich jede auf ihre Weise für die Rechte der Tiere einsetzt. Die Mahnwache ist eine davon. Zu wissen, was im Hintergrund der Fleischindustrie passiert und was das für die Umwelt, die Gesundheit und die Tiere selbst bedeutet, war für mich wie ein Input. 

Tanja Plüss: Ich habe vor einiger Zeit angefangen, mich mit dem Thema zu befassen. Je mehr ich mich damit auseinandergesetzt habe, desto mehr wollte ich mich aktiv für die Tierrechte einsetzen.

Viele Menschen leben aus diesen Gründen einfach vegetarisch. Warum muss es denn vegan sein?

Tanja Plüss: Weil der Konsum von Eier- und Milchprodukten ganz einfach nicht tierlieb ist. Viele wissen nicht, dass in der Eierindustrie die männlichen Küken nach Geburt lebendig geschreddert oder vergast werden, da sie fürs Geschäft nicht gebrauchbar sind. Und auch bei der Milch wird die Kuh regelmässig wieder zwangsgeschwängert, mal abgesehen davon, dass schlussendlich jede Milchkuh im Schlachthaus endet.

Woher wisst ihr, dass eure Recherchen zuverlässig sind und diese Bedingungen auch auf Schweizer Bauernhöfe zutreffen?

Nathalia Zimmermann: Dafür gibt es zahlreiche Organisationen, welche sich intensiv mit dem Thema befassen und ein Kontaktnetz zu Mitarbeitern von Bauern- und Schlachthöfen pflegen. Dabei fällt auf, dass es in der Schweiz immer noch mangelhafte Tierhaltung gibt, welche sich einfach hinter guter PR versteckt.

Ihr seid aktive Tierrechtlerinnen. Probiert ihr in einem Gespräch, das Gegenüber von eurer Ernährung und eurem Tun zu überzeugen?

Tanja Plüss: Die Fakten sprechen für eine vegane Ernährung. Es geht mehr darum, über den eigenen Schatten zu springen und diese Ernährungsmethode zu probieren. Ich versuche eher, die Leute zu motivieren statt zu überzeugen. Viele Menschen brauchen auch etwas länger, um ihre Ernährung umzustellen; dazu würden wir nie Vorwürfe äussern.

Nathalia Zimmermann: Gerade Freunde und Familie bekommen das Thema hautnah mit und wir hoffen natürlich, dass wir ihnen einen Anstoss geben können, sich selbst damit auseinanderzusetzen.

Wie muss man sich eine Mahnwache vorstellen?

Tanja Plüss: Wir wollen vor allem die Gesichter der Tiere zeigen. Dazu versammeln wir uns beim Eingang, an dem die Tiere mit den Lastern antransportiert werden. Wir probieren, die Lastwagenfahrer abzufangen und mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Einige sind eher aggressiv, andere lassen sich schnell darauf ein. Dann filmen und dokumentieren wir die Tiere auf ihrem letzten Gang zum Schlachthof. Dort wird sehr deutlich, wie sich diese fühlen, es herrscht viel Aufregung.

Nathalia Zimmermann: Das Foto- und Filmmaterial verbreiten wir anschliessend auf Social Media unter Facebook und Instagram, um es mit anderen Menschen zu teilen. Meistens sind wir 7 bis 15 Leute gemischten Geschlechts und Alters, welche sich treffen. Wir haben Tee und Kuchen dabei, genauso wie unsere selbst gemachten Schilder und wir treffen uns zu jeder Jahreszeit und bei jedem Wetter. So können wir den Tieren eine Stimme geben und sie als das zeigen, was sie sind: Individuen.

Im letzten Jahr wurde das Bellgebäude in Oensingen attackiert. Was denkt ihr über diese Methode des Tierschutzes?

Nathalia Zimmermann: Jede Tierschutzorganisation hat ihre eigenen Methoden. Wir unterstützen Gewalt nicht und wollen friedlich für das Tierwohl kämpfen. Andererseits ist mit dieser Aktion viel Aufmerksamkeit auf den Bell Schlachthof gelenkt worden.

Dass der Fleischkonsum in nächster Zeit eingestellt wird, ist unrealistisch. Welches Ziel verfolgt ihr und was soll sich ändern?

Tanja Plüss: Ganz einfach, dass der Konsum sinkt.

Nathalia Zimmermann: Solange die Nachfrage so hoch ist und das Fleisch so günstig, wird sich an der Massenproduktion nichts ändern. Die idyllischen Kleinbauern gibt es nicht mehr, die Industrie verdrängt sie. Das geht auf Kosten der Tiere und der Umwelt. Die Rechnung geht nicht mehr auf, wir müssen auf Alternativen setzen.

Von Céline Bader