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14.08.2019 10:00

Der erste Schultag für Pflegekinder

Der erste Schultag ist für jedes Kind ein grosser Schritt. Noch viel anspruchsvoller ist der Schuleinstieg für diejenigen Kinder, die aufgrund ihrer Geschichte keine sichere Bindung aufbauen konnten. Seien dies Pflege- und Adoptivkinder oder andere Kinder, die in ihrer frühen Kindheit schwierige Erfahrungen machen mussten. Sie fühlen sich in einer grösseren Gruppe schnell verloren und überfordert. Wie können diese Kinder unterstützt werden, damit sie sich im schulischen Umfeld besser zurechtfinden?

Marco (Name geändert) freute sich sehr, als sein erster Schultag bevorstand. Stolz zeigte er all seinen Freunden den neuen Schulrucksack. Marco lebt seit vier Jahren in einer Pflegefamilie. Seiner Mutter war es aufgrund ihrer psychischen Erkrankung nicht möglich, ausreichend auf seine Bedürfnisse einzugehen. Nach einer Abklärung entschied die Kindesschutzbehörde, Marco in einer Pflegefamilie unterzubringen.

Marco forderte von seiner Lehrerin von Beginn an viel Aufmerksamkeit. Oft war er unkonzentriert, schaute umher oder machte Faxen. Er ist ein intelligenter Junge und konnte dem Schulstoff trotz seines Verhaltens gut folgen. Vor allem während den Pausen und auf dem Schulweg kam es jedoch zu Zwischenfällen. Es wurde beschrieben, dass er „Blödsinn“ mache, seine Schulkollegen schlage oder frech zu grösseren Kindern sei. Mit Marco wurden die Situationen immer wieder besprochen. Die Pflegeeltern konnten sich sein Verhalten nicht erklären, da sie ihn zu Hause so nicht kannten. Marco schämte sich. Seine Freunde waren ihm doch wichtig. Er sagte jeweils, es tue ihm leid und er werde dies nie mehr machen.

Silke Moerler von der Fachstelle kompass begleitet seit 15 Jahren Pflegekinder. Sie erklärt sein Verhalten wie folgt: „Pflegekinder haben mindestens einen schweren Beziehungsabbruch in ihrem Leben erlitten. Sie stehen daher psychisch meist nicht mehr auf so festem Boden wie viele andere Kinder. Sie leben stark im Augenblick und können die Konsequenzen ihres Handelns oft nicht genug über​blicken. Wobei alle Kinder in diesem Alter dies erst noch lernen müssen. Für seelisch verletzte Kinder ist es zudem besonders schwierig, fremdbestimmt zu werden. Sie wollen alles unter Kontrolle haben. Auch sorgen kleine Unsicherheiten bei ihnen, dass sie ihr Verhalten nicht mehr steuern können. Sie reagieren entweder mit Kampf, so wie Marco, mit Flucht, indem sie sich emotional zurückziehen, abwesend sind oder mit Erstarrung. Dann sind sie nicht mehr ansprechbar. Ursache sind frühe Erfahrungen, hilflos und überwältigt worden zu sein.“

Die Pflegeeltern und die begleitende Fachperson waren von Beginn an in einem engen Austausch mit der Schule. Indem sie Erklärungen gaben, konnten die Lehrpersonen Marcos Verhalten besser verstehen. Von allen Beteiligten erforderte die Begleitung von Marco viel Energie, Geduld und Verständnis. Das Wissen, dass er es nicht „extra“ macht, half ihnen, ihm trotz seines schwierigen Verhaltens, immer wieder mit Verständnis zu begegnen. Gemeinsam entwickelten sie Ideen, wie sie in schwierigen Situationen mit Marco umgehen konnten. Oft genügte es, wenn die Lehrerin ihn im Auge behielt, ihn ansprach oder kurz am Arm berührte.

Marco gewann an Sicherheit und es kam immer weniger häufig vor, dass er sich unverhältnismässig zur Wehr setzte. Die Lehrpersonen unterstützen ihn, indem sie einheitliche und klare Regeln mit ihm vereinbarten. Diese gaben Marco Sicherheit und Orientierung. Auch Marco lernte, sein Verhalten besser zu verstehen und wie er heikle Momente umgehen kann. Noch gelingt ihm dies nicht jeden Tag. Seine frühkindlichen Prägungen werden ihn weiterhin begleiten. Doch mit der Unterstützung und dem Verständnis der Pflegeeltern, den Lehrpersonen und den anderen Kindern und ihren Eltern wird er sich nach und nach in der Schule sicherer fühlen. Marco freut sich auf das neue Schuljahr, als Zweitklässler.

pd

Informationen

Buchempfehlung: Das Bilderbuch "Lily, Ben und Omid" von Marianne Herzog schildert auf anschauliche und liebevolle Art, wie sich seelische Belastungen bei Kindern auf das Verhalten, das Lernen und das Selbstwertgefühl auswirken. Es erzählt von den Schwierigkeiten dieser Kinder im Alltag und zeigt auf, was ihr Umfeld und sie selbst tun können, damit es allen einfacher geht.

kompass sucht Pflegeeltern: Die Fachstelle kompass bietet im Kanton Solothurn seit 25 Jahren verschiedene Dienstleistungen für Familien an. Dazu gehören ein Bildungs- und Beratungsangebot für Eltern und weitere Erziehende, verschiedene Formen von Sozialpädagogischer Familienbegleitung sowie Platzierungen von Kindern und Jugendlichen in Pflegefamilien. kompass sucht aktuell Eltern, die sich vorstellen können, einem Pflegekind ein zweites Zuhause zu geben. Am 18. September 2019 findet ein Informationsabend in Solothurn statt. Weitere Informationen unter www.kompass-so.ch.